
Kurzfilmprogramm
Einführung Prof. Dr. Evelyn Echle
Experimentalfilme gehören zu den frühesten und radikalsten Annäherungen des Kinos an die Stadt. Lange bevor urbane Räume zum selbstverständlichen Schauplatz fiktionaler Erzählungen wurden, erkundeten Filmemacher:innen ihre Dynamik mit den Mitteln von Montage, Rhythmus, Bewegung und Licht. Die Stadt erscheint dabei nicht als bloße Kulisse, sondern als Geflecht aus Straßen, Fassaden, Brücken, Verkehr und Menschen – als ein Organismus, dessen Energie sich erst im filmischen Blick entfaltet.
Im Rahmen unserer Reihe »Kino über der Stadt« zeigen wir eine Auswahl von Klassikern und wiederzuentdeckenden Perlen der Filmgeschichte, die das Verhältnis von Kino und urbanem Raum auf unterschiedlichste Weise ausloten. Von den frühen Stadtsinfonien »Regen« und »Aimless Walk« über die pulsierenden Bildkompositionen von Shirley Clarke und Marie Menken bis zu Marguerite Duras' »Les Mains Négatives« und Jem Cohens »A Tale of Two Cities« versammelt das Programm Filme, die die Stadt nicht nur zeigen, sondern in Bewegung versetzen.
Evelyn Echle (Dr. phil.) ist Professorin für Kultur- und Medientheorie am Design-Department der Hochschule Pforzheim und der Hochschule der Künste Bern. Ihre Forschung konzentriert sich auf ästhetische Schnittstellen experimenteller Medienkulturen mit Fokus auf Film und Mediengeschichte.
Jem Cohen verknüpft Aufnahmen aus seiner Heimatstadt New York mit Bildern aus Wien: ein leeres Treppenhaus hier, eine belebte Straße dort. Die vertrauten Unterschiede in Architektur und Stadtbild lösen sich zunehmend auf, Orte tauschen ihre Gestalt und Qualität. Je ähnlicher sich die meist nächtlichen Bilder werden, desto mehr scheinen die beiden Städte für einen Moment eine gemeinsame Geschichte zu teilen. Gedreht auch im Anatomischen Institut der Universität Wien, blicken weiße, reglose Gesichter als stille Zeugen zurück auf die Betrachtenden.
Ein Regenschauer über Amsterdam wird zum Ausgangspunkt für ein Spiel aus Licht, Wasser und Rhythmus. Joris Ivens montiert Pfützen, tropfende Blätter, aufgespannte Schirme und glänzendes Kopfsteinpflaster zu einer Bewegungsstudie. Die oft nur wenige Sekunden langen Einstellungen folgen einer fast musikalischen Logik aus hell und dunkel, nass und trocken, still und bewegt.
Go! Go! Go! ist eine Meisterleistung der schnellen Kamerabewegung und der Einzelbild-Aufnahme. In Aufnahmen vonSchiffen, die im Hafen in Einzelbildern aufgenommen wurden, gefilmt aus einem fahrenden Auto, auf den Straßen von New York, bei einem Karosseriebauerkongress und an anderen Orten beschreibt Marie Menken das Leben ihrer Stadt.
Shirley Clarke, eine der prägenden Stimmen des amerikanischen Avantgarde- und späteren Independent-Kinos, verwandelt New Yorks Hängebrücken in reine Form. Manhattan Bridge, Brooklyn Bridge und George Washington Bridge verschmelzen zu einem pulsierenden Bildrausch aus Stahl, Licht und Wasser. New York war für Clarke immer wieder Sujet und Bühne ihrer Filme.
Ein bedeutender früher Film von Stan Brakhage, den Joseph Cornell in Auftrag gab, um die Hochbahn der Third Avenue in New York vor ihrem Abriss zu dokumentieren. Der Film, in dem seltsamerweise keine Menschen zu sehen sind, konzentriert sich auf den Rhythmus der Fahrt und die Spiegelungen in den Zugfenstern und findet so eine reale Entsprechung zu den Überlagerungen, die Brakhage später im Labor schaffen sollte.
In der BRD bricht Ende der 1960er der Junge Deutsche Film auf, und die Kamera wird zum Selbstversuch. Adolf Winkelmann schnallt sich die Bolex vor den Bauch und manövriert sich, sich selbst filmend, durch die Kasseler Fußgängerzone – eine frühe Form des Selfies, verwurzelt in der Performance-Tradition, mitten im öffentlichen Raum. Die Kamera schwankt, das Bild kippt, Passant*innen blicken irritiert hinein, manche weichen aus, andere gehen einfach weiter, als wäre nichts.
Eine langsame Fahrt durch Paris in den frühen Morgenstunden: leere Boulevards, vereinzelte Gestalten, ein Taxi auf stillen Straßen. Zwischen urbaner Einsamkeit und melancholischer Beobachtung wird die Stadt zum reflexiven Raum. Die „negativen Hände“ aus den Höhlen des Magdalénien – rätselhafte Handumrisse in Blau, Schwarz und Rot – verbinden die flüchtigen Spuren der Gegenwart mit denen einer fernen Vergangenheit.
Ein Mann durchquert Prag bis an den Stadtrand, auf der Halbinsel Libeň begegnet er seinem Doppelgänger – seine Seele bleibt in der Landschaft zurück, während er selbst in die Stadt zurückkehrt. Als erster genuin tschechischer Avantgardefilm wendet sich das Werk von einer verherrlichenden Stadtdarstellung ab: Die Kamera folgt einem distanzierten Protagonisten, dessen subjektive Reise zu einer fragmentarischen Visualisierung urbaner Landschaften wird.




