
Mitten im öffentlichen Festgeschehen wachsen sie in die Höhe: die „Castells“ der katalanischen Castellers – Menschentürme, gebaut aus Körpern und Vertrauen. Das Scheitern ist stets mitgedacht. Eva Teppe greift für Die Welt ist alles, was der Fall ist auf TV-Material zurück und verlangsamt den Sturz radikal. Der Titel zitiert Ludwig Wittgenstein. Aus dokumentarischer Aktion wird ein abstrakter Sog aus Farbe und Nähe. Ein Film über das Fallen – und darüber, was im Bild überhaupt der Fall ist.

Polly ist Anfang dreißig, aber weit davon entfernt, erwachsen zu sein. Sie verbringt ihre Tage damit, durch Toronto zu schlendern und zu fotografieren. Während sie im Badezimmer ihre Fotos entwickelt, entschwindet sie in die schwarz-weißen Welten. Hier kann sie schwebend auf dem Wasser wandeln oder dem Gesang der Meerjungfrauen lauschen. Obwohl das Zeitarbeitsunternehmen davor warnt, Polly einzustellen, nimmt sich die Kuratorin Gabrielle ihrer an. In ihrer Galerie fängt Polly an, sich Gedanken zu machen, darüber, was es heißt, etwas zu erschaffen, und ob sie sich womöglich in ihre Chefin verliebt hat.
In ihrem preisgekrönten Debüt hat Patricia Rozema es geschafft, sich tiefgründigen und düsteren Themen mit Humor und einer gewissen Naivität anzunähern. In einem homophoben Umfeld aufgewachsen, ist es für sie wichtig, queere Perspektiven ins Kino zu bringen. Da sie sich in den fast vier Jahrzehnten ihres Schaffens immer wieder neu erfunden hat, bleibt es schwer, sie in eine Schublade zu stecken.

Während das Leben im überfüllten und und hektischen Manhatten pulsiert, herrschen in New Yorks Lower East Side, nur wenige Blocks entfernt, beklemmende Leere und Stille. Permanent Vacation verfolgt innerhalb zweieinhalb Tagen das Leben des Protagonisten Aloysious Parker, einem jungen Menschen ohne Zuhause, Ausbildung oder Arbeit. Er streift rastlos durch die Straßen, immer ein wenig dem voraus, was ihn zu verfolgen scheint. Allie, der zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt ist, begegnete und lebte trotz seiner jungen Jahre bereits mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen. Wir werden Teil der Geschichten von Figuren, die wie er aus der normativen Gesellschaft herausfallen.
Aus der äußerst lebendigen New Yorker Postpunkszene Ende der Siebzigerjahre heraus zeichnet Jim Jarmusch in seinem lyrischen Filmdebüt das flüchtige Coming-of-Age-Lebensgefühl einer jungen Generation nach – verkörpert von dem ebenso sensiblen wie selbstverliebten, in richtungsloser Dauerbewegung befindlichen Hauptdarsteller Chris Parker. Ein von leiser Wehmut durchzogener, traumwandlerisch inszenierter Film.

"Am liebsten würde ich das ganze Kino mit dieser Schweinerei in die Luft fliegen lassen!" Finstere Drohungen wie diese waren im Frühjahr 1969 in den Leserbriefspalten der Landshuter Zeitung zuhauf zu lesen. Den Grund dafür lieferte Peter Fleischmanns Spielfilmdebut.
Als der zwanzigjährige homosexuelle Abram in sein Heimatdorf zurückkehrt, hänseln ihn die Bauern, die eigene Mutter nennt ihn "Drecksau", es entwickelt sich eine pogromartige Stimmung. Lange versuchte er, den bösartigen Spott seiner Mitbürger zu überhören. Die als "Hure" verschriene Hannelore ist der einzige Mensch, der ihm Verständnis und Zuwendung entgegenbringt. Derweil steigern sich die Vorurteile der Dorfbewohner zu blankem Hass. Als sich herumspricht, dass Hannelore von Abram schwanger ist, eskaliert die Situation.
Die Geschichte eines Dorfes, das sich zu einer Hetzjagd auf einen jungen schwulen Mechaniker hinreißen lässt. Es war eines der ersten Stücke, das sich ernsthaft mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzte und mit den daraus resultierenden Verwerfungen in einer bigotten Dorfgemeinschaft.

“So, what do you do, Raymond?” – “I... shoot people for money."
Nach einem schief gelaufenen ersten Auftrag im Profikiller-Business, wird Ray nach Brügge in den Zwangsurlaub geschickt. Sein Ausbilder und langjährig erfahrener Hase in der Mordbranche, Ken, findet jedoch schnell Gefallen an all der Kultur, der Beschaulichkeit und der Chance zur inneren Einkehr, die ihm Brügge verheißt. In Erwartung auf die nächsten Anweisungen ihres Bosses verharren die beiden im gemeinsamen Hotelzimmer und gehen sich schnell gehörig auf die Nerven…
In seinem ersten Spielfilm zeigt Martin McDonagh schnell seinen humorvoll makaberen Stil, der sich in seinen kommenden Werken zuspitzen soll. Neben ausgefallenen Dialogen, die perfekt Humor mit absurden philosophischen Gedanken verstricken, versteht er es zudem außerordentlich komplexe Charaktere zu etablieren. Diese tragen nicht nur äußere, sondern auch innere Kämpfe aus und verleihen dem Film so eine Tiefe, die weit über bloßen Unterhaltungswert hinausgeht.

Ein drogenabhängiger und von seiner Wettleidenschaft gefesselter New Yorker Polizeioffizier erfährt in der Begegnung mit einer vergewaltigten Nonne eine neue Dimension der Spiritualität und am Ende in der Vision des vom Kreuz herabgestiegenen Christus Erlösung. Unerbittlich hart in der Charakterstudie eines Menschen im existentiellen Chaos, der in ungewohnter Weise eine extreme Spannung zwischen dem Blick in die Abgründe des Hässlichen und Gemeinen und der Reinheit des Spirituellen auszuhalten versucht. Der Regisseur mutet dem Zuschauer eine Erfahrung zu, die nicht so schnell abzuschütteln ist: Der Film ist bei aller Härte eine im Kino ungewöhnliche Behandlung der Frage nach der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen.

Clarice Starling, Auszubildende beim FBI, bekommt von einem ihrer Lehrer den Auftrag, sich im Gefängnis mit Dr. Hannibal Lecter, einem Massenmörder und Psychiater, zu befassen. Durch ihre Unbefangenheit hoffen sie, daß Lecter ihnen bei der Suche nach einem anderen Serienkiller hilft, aber es ist nicht leicht, an Lecter heranzukommen.

Irgendwo in der Tundra, im Niemandsland, haust die schlechteste Rock ‘n’ Roll-Band der Welt, perfekt gestylt, doch ohne Publikum und ohne die geringste Chance auf kommerziellen Erfolg: die Leningrad Cowboys. Sie beschließen, ihren Nationalstolz zu begraben und in die Vereinigten Staaten zu gehen, wo die Leute “jeden Mist fressen”. Dieser Film erzählt die Geschichte ihrer Reise über den Ozean und durch den Kontinent, eine Geschichte von verrufenen Kneipen und anständigen Leuten im Hinterhof der Hamburger-Nation.

In der Zukunft gibt es nur noch ein wichtiges Sportereignis: Ein mörderisches Rennen quer durch die USA, bei dem der Fahrer gewinnt, der die meisten Fußgänger überfährt. Die beiden Favoriten sind der mysteriöse Frankenstein und sein größter Widersacher, der impulsive Machine Gun Joe Viterbo . Während das Rennen die ersten Opfer fordert, formiert sich eine Widerstandsgruppe gegen die blutige Veranstaltung. Sie lauern den Fahrern auf und führen sie in tödliche Fallen. Der Wettstreit wird zu einem gnadenlosen Kampf, denn bald werden die Saboteure in den eigenen Reihen vermutet.

Es passiert auf den ersten Blick nicht allzu viel in „Stranger Than Paradise“. Willie Molnar (John Lurie) ist ein New Yorker Hipster mit ungarischen Wurzeln, den wir drei Episoden lang durch seinen Alltag begleiten. Zunächst bekommt Willie Besuch von seiner ungarischen Cousine Eva, die zehn Tage bei ihm wohnt, bis ihre Tante Lotte aus dem Krankenhaus entlassen wird. Zunächst genervt von dem ungebetenen Gast, öffnet sich Willie doch allmählich – und verlässt schließlich, in den beiden folgenden Episoden, gar sein geliebtes New York, um Eva zu sehen. Und den Lake Erie, obwohl es da dann gar nicht so viel zu sehen gibt … „Stranger Than Paradise“ ist Jim Jarmuschs zweiter Kinofilm und markiert einen Durchbruch nicht nur in der Karriere des Regisseurs, sondern für die internationale Sichtbarkeit des mikrobudgetierten US-Independentkinos überhaupt. Außerdem steckt er voller zauberhaft lakonischer Momente, in denen entweder nichts passiert – oder aber das ganze Leben.

William Blake (Johnny Depp) trägt zwar den Namen des berühmten amerikanischen Dichters, ist aber auch ein Doppelgänger von K., dem (beinahe) namenlosen Protagonisten aus Kafkas „Schloss“. Wie dieser kommt er in der Fremde an, um eine Stelle anzutreten – nicht als Landvermesser, sondern als Buchhalter, in dem heruntergekommenen Städtchen „Machine“ – der letzten Station am Ende der Bahnstrecke und der vermessenen Welt. Doch die Stelle ist bereits vergeben, und nach einem Stelldichein mit einer Prostituierten und einer blutigen Konfrontation mit deren eifersüchtigem Liebhaber findet sich Blake schwer verwundet und auf der Flucht wieder. Gemeinsam mit dem belesenen Indianer Nobody tritt Blake eine psychedelische Reise an, die ihn nicht nur an den Rand des Jenseits, sondern auch tief in den amerikanischen Mythos hineinführt.

Weißrußland, 1943. Der 14jährige Fljora schließt sich gegen den Protest seiner Mutter den Partisanen an. Für ihn ist der Krieg noch ein Kinderspiel. Als es in den Kampf geht, darf er nicht mit an die Front. Fljora soll statt dessen mit Alten und Kindern ein Reservelager einrichten. Der Junge fühlt sich alleingelassen. In den Wäldern trifft er auf das Mädchen Glascha, die Geliebte des Partisanenführers. Fljora versucht sie zu trösten, als die Hölle über beide hereinbricht: Sie sind in einen Angriff der deutschen Wehrmacht geraten! Nur knapp können die beiden dem Tod entrinnen. Aber die Schrecken haben noch kein Ende…

Der Regisseur Fritz Lang dreht für den Produzenten Jeremy Prokosch einen Film über den griechischen Helden Odysseus. Paul Javal, ein junger Autor, wird engagiert, um das Drehbuch umzuschreiben. Nach einer ersten Besprechung lädt Prokosch Javal und dessen Frau Camille in seine Villa ein. Prokosch ist an Camille sehr interessiert und lässt nichts unversucht, um sie nach Hause zu fahren. Ihr Mann Paul hat nichts dagegen, im Gegenteil: Er besteht darauf, dass Camille Prokoschs Angebot annimmt. Camille ist überzeugt, dass Paul nur seine Karriere im Kopf hat und sie deshalb mit Prokosch verkuppeln will. Sie schreibt an Paul einen Brief, in dem sie ihre Verachtung für sein Handeln unmissverständlich darlegt. Doch zu einer Aussprache soll es nicht mehr kommen.

London im Sommer 1977. Während sich die Stadt gerade auf die Feierlichkeiten zum silbernen Thronjubiläum der Queen vorbereitet, basteln die schwulen Soul Boys und Piraten-DJs Chris und Caz an ihrem Radioprogramm, das sie von einer Garage heraus senden. Tagsüber müssen sie sich mit Skinheads herumschlagen, abends gehen sie mit Chris’ Schwester in die angesagten Clubs tanzen. Doch als ein Freund beim Cruisen im Park ermordet wird, drohen die sozialen Spannungen im Viertel überzukochen.

Wir waren kurz hinter Barstow, inmitten der Wüste, als die Drogen anfingen zu wirken...Nevada, 1971: Begleitet von seinem Anwalt Dr. Gonzo rast Raoul Duke in seinem roten Cabrio gen Las Vegas. Für ein Magazin soll er dort von einem Autorennen in der Wüste berichten. Doch für die beiden steckt hinter dem Ausflug sehr viel mehr als eine bloße Reportage. Für sie bedeutet der Trip nach Las Vegas eine Reise in das wilde Herz der von Vietnamkrieg und diverser Skandale gebeutelten Vereinigten Staaten, bei der sie den amerikanischen Traum bei den Hörnern packen und ihm in die hässliche Fratze starren wollen. Ausgerüstet mit jeder denkbaren Droge unter der Sonne brechen sie auf zu ihrer Mission - und lassen sich dabei auch nicht von feindseligen Drogencops, dienst bewussten Highwaypolizisten, arroganten Hotelangestellten und ständig wiederkehrenden Horrortrips unterkriegen.

Nachdem „Pulp Fiction“ 1994 wie eine Bombe in den internationalen Kinos eingeschlagen war, wartete die ganze Welt auf neuen Stoff vom Regiewunderkind Quentin Tarantino. Den gab es dann bereits im Folgejahr zu sehen – im Rahmen des Episodenfilms „Four Rooms“, den Tarantino gemeinsam mit seinem langjährigen Kollaborateur Robert Rodriguez („From Dusk till Dawn“) sowie den Independent-Filmemacher*innen Allison Anders („Gas Food Lodging“) und Alexandre Rockwell („In the Soup“) inszenierte. Der wilde Genremix zwischen der Slapstick-Komik eines Jerry Lewis und dem schwarzhumorigen Gangsterkino, das Tarantino berühmt machte, folgt einem Hotelpagen (Tim Roth) durch eine wilde Nacht, in der er es unter anderem mit einem Hexenzirkel und einem durchgeknallten, von Tarantino selbst gespielten Hollywoodregisseur zu tun bekommt. Der bis in die kleinste Rolle starbesetzte „Four Rooms“ ist heute weitgehend vergessen, bei uns gibt es nun die seltene Gelegenheit, ihn in analoger 35mm-Projektion neu zu entdecken.

Paul Thomas Andersons Altman-ähnliches Porträt eines Tages im sich kreuzenden Leben verschiedener Bewohner des San Fernando Valley – darunter ein schmieriger Motivationsredner (Tom Cruise), eine verzweifelte, tablettenabhängige, baldige Witwe (Julianne Moore), ein ehemaliges Quizkind-Phänomen, das zu einem traurigen Gestalt geworden ist (William H. Macy), einen liebeskranken Polizisten (John C. Reilly) und eine verstörte, kokainsüchtige junge Frau (Melora Walters) – ist ein herrlich weitläufiges, schwindelerregend ambitioniertes Roulette-Rad aus zufälligen Begegnungen, seltsamen Ereignissen und emotionalen Extremen. Der Regisseur schafft durch unermüdliche Steadicam-Aufnahmen ein Gefühl von visueller Dynamik, darunter eine epische, meisterhafte Kamerafahrt durch den Backstage-Trubel einer Fernsehspielshow in den Momenten vor Beginn der Show.

Das Gangsterpärchen Pumpkin/Honey Bunny verübt einen Raubüberfall auf ein Diner. Die zwei Auftragskiller Jules und Vincent geraten in eine folgenreiche Schießerei. Und Butch, ein nicht mehr ganz taufrischer Boxer, soll in seinem nächsten Kampf vorzeitig zu Boden gehen, weil es ein Unterweltboss so möchte … Die Kinozeitrechnung kennt eine Epoche vor und eine nach PULP FICTION: In seinem zweiten Film bringt Tarantino einen bis dahin ungesehenen Stil und einen neuen Sound auf die Leinwand. Der Video-Narr und Grindhouse-Fan definiert mit unvergesslichen Figuren, geschliffen-scharfen Dialogen und einer brillant konstruierten Erzählung den Begriff »Coolness« neu.
(Florian Widegger)

Elvis oder Carl Perkins? Das ist hier die Frage. In drei locker miteinander verwobenen Episoden erzählt der Regisseur mit lakonischem Witz von schrägen Begegnungen während einer Nacht im musikalischen Herzen Amerikas – Memphis, Tennessee. Eine Truppe aus Kult-Schauspielern und Musikern wie Screamin‘ Jay Hawkins, The Clash’s Joe Strummer, Tom Waits und Steve Buscemi taucht in kleinen, skurrilen Rollen ohne Vorankündigung auf und sorgt so für ein stetes Lächeln des Wiedererkennens. „Mystery Train“ verkörpert jenes Gefühl der neunziger Jahre, in dem sich die Gegenwart weit ausdehnte – ein einziger, großer Moment für zufällige Begegnungen, noch nicht zusammengeschrumpft unter der Last der Vergangenheit oder der Sorge um die Zukunft.

Lilja feiert jedes Wochenende in Clubs und Discos bis in die frühen Morgenstunden. Im schillernden Nachtleben fühlt sie sich scheinbar zu Hause. Eines Nachts wird das Unmögliche wahr. Lilija trifft für einen kurzen Moment ihr Spiegelbild aus einer anderen Welt: Tom.
Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, und wem sie just passieret, dem bricht das Trommelfell entzwei! Nils Menrads Kurzfilm über eine in vielerlei Hinsicht rauschhafte Nacht im Karlsruher Partyhimmel könnte auch Ausdruck des heimlichen Wunsches gewesen sein, endlich mal Techno-Musikvideos für VIVA oder MTV zu produzieren. Wären wir die Chefs von VIVA oder MTV, wir würden seine Clips kaufen!