
In Edward Yangs Film „Taipei Story“ (1985) ist die titelgebende Metropole mehr als nur eine Kulisse: Sie nimmt eine zentrale Rolle ein. Yang fängt Taipeh in einer Phase des deutlichen Umbruchs ein. Der wirtschaftliche Boom der 1980er Jahre verändert das Gesicht der Stadt merklich. Neue Hochhäuser mit Glasfassaden entstehen, Neonreklamen ausländischer Konzerne beleuchten die Straßen, und der dichte Verkehr zeugt von der voranschreitenden Modernisierung. Vor dieser urbanen Kulisse entfaltet sich die Geschichte von Lung und Chin, einem Paar, das sich in der neuen Realität zunehmend verliert. Während Chin als aufstrebende Assistentin die westlich orientierte Zukunft der Stadt verkörpert, hält der ehemalige Baseballspieler Lung an Traditionen und bisherigen Werten fest. Yang inszeniert Taipeh dabei als einen Raum der Entfremdung. Seine präzise komponierten Bilder zeigen leere, unpersönliche Apartments und spiegelnde Fenster, in denen die Identität der Menschen zu verschwimmen scheinen. „Taipei Story“ ist das Porträt einer Stadt, die im Zuge ihres schnellen Fortschritts nach Orientierung sucht, und eine Reflexion darüber, was passiert, wenn Metropolen sich schneller wandeln als die Menschen, die in ihnen leben.